STIHL in der NS-Zeit
Ein Zufallsfund zeigt, dass Geschichte und Erinnerung nie abgeschlossen sind: Auch aus der Zeit des Nationalsozialismus findet man bis heute noch bisher Unbekanntes. Ein Blick auf ein vielschichtiges, auch problematisches Kapitel der Unternehmensgeschichte zwischen Aufbauleistung und Internationalisierung, NS-Diktatur, politischer Belastung und Weltkrieg.
„Noch einen Schritt weiter …“, steht da über einer ganzseitigen Werbeanzeige für „STIHL’S ABLÄNG-KETTENSÄGE“. Die unbeschriftete Rückseite ist als Schreibpapier wiederverwendet worden. Das Blatt liegt in einer Patentakte, die Unternehmensarchivar Dr. Michael Hartmann aus dem Regal zieht. In den 1930er-Jahren wächst STIHL deutlich, legt viele Neuentwicklungen vor, erschließt Exportmärkte auch in Nordamerika. Gleichzeitig ist Andreas Stihl tiefer mit den neuen Machthabern verstrickt. Dieses Spannungsfeld bestimmt auch die Erinnerung an die 1930er- und 1940er-Jahre, also die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg und die Folgen. Darüber sind sich Dr. Michael Hartmann und Dr. Rüdiger Stihl (*1943), jüngster Sohn von Andreas Stihl, einig, als sie bei einem Archivbesuch über die gefundene Werbeanzeige sprechen.
Freudigeres Arbeiten mit einer Abläng-Kettensäge verspricht STIHL in einer Werbeanzeige Mitte der 1930er-Jahre.
Dr. Rüdiger Stihl Sohn des Firmengründers und bis 2002 Vorstand Recht bei STIHL„Aus der Rückschau heraus ist jetzt eine bessere Einordnung der NS-Zeit und eine fundiertere Bewältigung dieser Vergangenheit möglich. Es gehört zu einer ehrlichen Aufarbeitung, dass sich auch STIHL diesem schwierigen Erbe stellt. Daraus folgen für mich nicht zuletzt das Bewusstsein und der Auftrag, eine vergleichbare Entwicklung in der Zukunft zu vermeiden.“
Zwischen Aufbruch in die Welt und Hakenkreuz
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, sind die brutalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise noch zu spüren. Dass sich die Konjunktur erholt, schlachtet das Regime für sich aus. Auch bei STIHL macht sich nach dem existenziell bedrohlichen Tiefpunkt von 1932 Erholung bemerkbar. In den nächsten Jahren werden neue große und kleine Sägen für die Forstwirtschaft entwickelt, darunter 1933 die erste Einmann-Elektrosäge „Liliput“. Es werden weitere technisch neue Ansätze erprobt und teils patentiert, ab 1935 etwa die vollautomatische Kettenschmierung, die Einführung der Fliehkraftkupplung oder Elektromotorsägen. Denn STIHL fokussiert das Portfolio im Lauf der 1930er-Jahre auf die motorisierten Sägen, mit denen man vor allem im Ausland Erfolge feiert, etwa in der Sowjetunion, in Italien sowie zaghaft auch schon in den USA. Das Waschmaschinengeschäft, kurzzeitig ein wichtiges zweites Standbein, wird infolgedessen bis 1939 aufgegeben. STIHL wird endgültig zur „Spezialfabrik“.
Es scheint nach vorne und nach oben weiterzugehen. STIHL investiert: Das Stammwerk in Bad Cannstatt wird erweitert. In Neustadt bei Waiblingen entsteht ab 1938 ein zweiter Standort am Remsufer bei einer ehemaligen Mühle. Es ist eine folgenreiche Entscheidung, denn Neustadt wird infolge von Kriegszerstörungen nach 1945 die neue Heimat von STIHL werden. An einen neuen Krieg wollen viele damals, 1938, noch nicht glauben. Optimistisch tritt Andreas Stihl 1937–38 eine Nordamerikareise an, die ihn in das baumreiche Kanada und in die USA führt.
Dass man Anwender schulen und von den Vorteilen der STIHL Sägen überzeugen muss, wird in Bad Cannstatt schnell klar: Ab 1937 finden erste „Motorsägen-Lehrgänge“ für Förster und Waldarbeiter statt.
All das geschieht vor dem Hintergrund der ersten deutschen Diktatur, von Gleichschaltung, politischer und rassenideologischer Verfolgung. Angesichts der wirtschaftlichen Erholung arrangieren sich breite Bevölkerungsteile mit dem neuen Regime, das die Gesellschaft nach seiner Ideologie umformt. Wie viele Unternehmen muss auch STIHL 1934 auf das „Führerprinzip“ umgestellt werden, das zwischen „Betriebsführer“ und „Gefolgschaft“ unterscheidet. Im Rahmen der NS-Aufrüstungspolitik wird das Heer ein neuer Großabnehmer. Für die Wehrmacht entwickelt STIHL eine Motorsäge mit drehbarem Vergaser.
Eine komplexe Biografie
Die Versprechen, Propaganda und Massenmobilisierung der Nationalsozialisten verfangen auch bei: Andreas Stihl. Er ist einer jener, die sich vom Regime blenden lassen. Zeitgenössische Quellen mit Äußerungen Stihls sind kaum überliefert. Was wir zu seinen Mitgliedschaften und seiner Weltanschauung wissen, stammt aus seinem Entnazifizierungsverfahren, in dem Aussagen auch seiner Entlastung dienen sollten.
Im Alter von 36 Jahren tritt Stihl 1933 in die NSDAP ein. Mehr noch: zwei Jahre später folgt ein weiterer Beitritt in die Allgemeine SS (Schutzstaffel). In dieser NS-Organisation wird Stihl Sozialreferent, 1939 „Hauptsturmführer“ ehrenhalber. Zu diesem Zeitpunkt ist er laut Zeugenaussagen in seinem Verfahren bereits seit 1937 nicht mehr aktiv. An der Front ist Andreas Stihl nie: Als „Betriebsführer“ gilt er als „unabkömmlich“.
Andreas Stihl verschreibt sich dem Regime letztlich weit über das opportunistisch Erwartbare hinaus. So wirft ihm der Betriebsrat nach dem Krieg vor, als „überzeugter Nationalsozialist“ im Sinne des Regimes agitiert zu haben, auch wenn ihm eine soziale Einstellung attestiert wird und er politisch Verfolgte in seinem Betrieb angestellt habe. Unter anderem deswegen soll es auch Konflikte mit der lokalen NSDAP-Leitung gegeben haben. Stihl wird schließlich als „Mitläufer“ eingestuft. Diese formale Entlastung relativiert seine politisch-ideologische Involvierung jedoch nicht: Sie ist Teil eines biografischen Gesamtbildes neben seinem erfolgreichen technischen wie unternehmerischen Lebenswerk.
Dr. Rüdiger Stihl Sohn des Firmengründers und bis 2002 Vorstand Recht bei STIHL„Mein Vater war ebenso wie eine große Mehrheit der Deutschen von dem eingeschlagenen Kurs der NSDAP überzeugt. Denn dieser brachte auch eine große Erleichterung nach der wirtschaftlichen Depression Ende der 1920er-Jahre. Heute zeigt die zunehmende Zahl autokratischer Systeme, wie leicht demokratische Strukturen und Überzeugungen auf entsprechenden Druck – militärisch wie wirtschaftlich – dahinschmelzen können. Besorgniserregend ist doch: Menschen sind offenbar unfähig, aus der Geschichte zu lernen.“
Kettensägen für die Wehrmacht
1939 wird mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 ein verheerender Krieg über ganz Europa getragen. Die Produktionsanforderungen des Militärs steigen deutlich an: Mit der Kriegskonjunktur wächst STIHL – und damit sowohl die Mitarbeiterzahl als auch die Wochenarbeitszeiten, die im Kriegsverlauf bis auf 70 Stunden hochklettern. Für das Militär entwickelt und gefertigt wird etwa die sogenannte Einheitssäge bzw. Kraftsäge 43, kurz KS 43, an deren Herstellung drei weitere Unternehmen beteiligt sind. STIHL ist dabei vor allem für die Motoren- und Kettenproduktion zuständig, liefert Konstruktionszeichnungen und hat die Federführung des Projekts KS 43 inne. Mit dem Prädikat „für das Heer geeignet“ wird die Säge schließlich vom Waffenprüfamt abgenommen. Anfang 1944 beginnt die Auslieferung.
Im Schwarzwald wird die Einheitssäge KS 43 erstmals erprobt. Sie soll für den Heereseinsatz geeignet sein.
Nachdem der Standort in Bad Cannstatt von Bomben zerstört wird, geht es für STIHL nach dem Krieg am 1938 entstandenen Standort Neustadt-Waiblingen weiter.
Auch die Internationalisierung findet durch den Krieg ihr jähes Ende, viele ausländische Märkte brechen weg. STIHL Sägen werden stattdessen ohne Lizenz im Ausland nachgebaut. Der Krieg, den NS-Deutschland Europa aufgezwungen hat, erreicht nach und nach auch die Heimat. Das industrielle Zentrum Stuttgart und damit auch Bad Cannstatt werden großflächig bombardiert, das Werk in Bad Cannstatt in mehreren Wellen 1943–1944 zerstört. Es kommt zur Verlagerung nach Neustadt, das vom Bombenkrieg unversehrt bleibt.
Viele Mitarbeiter werden indes an die Front eingezogen. Die Lücken sollen zunächst durch dienstverpflichtete Frauen geschlossen werden. Ab 1941 stoßen Zwangsarbeitende dazu, darunter Kriegsgefangene. Insgesamt sind es bis 1945 100 Männer und Frauen aus dem westlichen und östlichen Europa, davon etwa die Hälfte aus der Sowjetunion. Andreas Stihl bemüht sich um eine angemessene Behandlung, bessere Verpflegung und Unterbringung der sogenannten „Ostarbeiter“, die gemäß NS-Ideologie rechtlich eigentlich schlechter zu stellen sind und als minderwertig gelten. Deswegen kommt er wohl in Konflikte mit den zuständigen Behörden in Bad Cannstatt.
1945 holt Andreas Stihl seine Vergangenheit ein. Er wird interniert, arbeitet mehrere Jahre in einem Arbeitslager im bayerischen Moosburg, durchläuft ein Entnazifizierungsverfahren – wie auch der eigene Betrieb über ein sogenanntes Säuberungskomitee. Zu Demontagen kommt es nicht. Nach seiner Einstufung als „Mitläufer“ kehrt Stihl im September 1948 in sein bis dahin von den Amerikanern unter Treuhandverwaltung gestelltes Unternehmen nach Neustadt zurück.
Kriegsbedingte Überlieferungslücken
1943–1944 wird die damalige Unternehmenszentrale in Bad Cannstatt im Bombenkrieg weitgehend zerstört, damit auch das Gedächtnis von STIHL über die früheren Fertigungsjahre. Darum stammt ein Großteil der Überlieferung im Unternehmensarchiv aus der Zeit nach 1945, ergänzt um gelegentliche Abgaben von Externen. Was an Quellenmaterial auffindbar ist, fließt 2006 in das Buch „Stihl. Von der Idee zur Weltmarke“ von Waldemar Schäfer ein.
Neuer Blick auf alte Tatsachen
Die Nachfahren sind sich der Verstrickungen ihres Vaters bewusst. 1999 wird dies auch zum Antrieb für Hans Peter Stihl und seine Geschwister, mit STIHL unter anderem der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beizutreten und Verantwortung zu übernehmen. Als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) setzt sich Hans Peter Stihl mit dafür ein, die für humanitäre Entschädigungszahlungen notwendigen Mittel in der deutschen Wirtschaft zu organisieren, auch gegen Widerstand. Ab 2001 fließen über die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft die ersten Leistungen an ehemalige Zwangsarbeitende.
Dr. Rüdiger Stihl Sohn des Firmengründers und bis 2002 Vorstand Recht bei STIHL„Es gibt einen Konsens, dass auch STIHL sich in der NS-Zeit systemkonform verhalten hat. Meine Geschwister und ich konnten das Geschehen zwischen 1933 und 1945 nicht beeinflussen, wir haben aber unter anderem als richtig erkannt, uns an der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeitender zu beteiligen, und eine aufrichtige Aufarbeitung dieser Vergangenheit befürwortet.“
1948 ist ein Bruchjahr in die Gegenwart: Dem Standort in Bad Cannstatt bleibt nach Kriegsende letztlich nur eine Abwicklung, die bis Anfang der 1950er-Jahre dauern wird. In Neustadt beginnt der Neuaufbau. Man zehrt von der technischen, personellen und maschinellen Substanz, die man über den Krieg hinaus bewahren konnte.
Den problematischen, auch dunklen Aspekten der eigenen Geschichte stellt sich STIHL Anfang des 21. Jahrhunderts. 2006 erscheint das Buch „Stihl. Von der Idee zur Weltmarke“ von Waldemar Schäfer, das auch die NS-Zeit thematisiert. Im professionell geführten Unternehmensarchiv wird seit 2009 Material gesammelt und zusammengeführt: Zuerst durch das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg und seit 2014 durch einen eigenen Archivar. Im Archiv werden bis heute noch Neuentdeckungen gemacht – und sei es eine alte Werbeanzeige.