Collage: Julius Wörz mit einem für Motorsägen maßgeschneiderten Rucksack vor Wegweisern.

Pionier­botschafter

STIHL verfolgt von Anfang an einen sehr persönlichen Weg, um international Fuß zu fassen. Schon Firmengründer Andreas Stihl geht früh geschäftlich auf Reisen. Später stellen seine Kinder Hans Peter Stihl und Eva Mayr-Stihl weltweit die richtigen Weichen. Doch auch einzelne Mitarbeitende formen das internationale Profil des Unternehmens. Allen voran: Chefinstrukteur Julius Wörz, der als früher Markenbotschafter die Motorsäge in die Welt bringt.

Eine Motorsäge und einen Mann, der weiß, wie sie zu bedienen ist: Mehr braucht es nicht, um die Menschen davon zu überzeugen, dass dieses Werkzeug genau das ist, was ihnen fehlt. Der Mann heißt Julius Wörz, die Motorsäge meistens „STIHL Contra“. Der Chefinstrukteur von STIHL demonstriert sie ab den 1950er- bis in die 1980er-Jahre jedem, der sie sehen will, überall auf der Welt. Und er begeistert damit. Überzeugen durch Zeigen: Dieses einfache Prinzip, ist – so sieht es zumindest Jochen Bürkle, Leiter der STIHL Markenwelt – eine wichtige Zutat für das Erfolgsrezept der Internationalisierung von STIHL: „Es war wichtig, jemanden dorthin zu schicken, in die entlegensten Ecken der Welt. Nicht nur das Produkt, sondern eine Person, mit der ich sprechen, der ich Fragen stellen kann, die mir das Gerät zeigt und erklärt. Die Leute konnten ein Gesicht mit dem Gerät verbinden.“

Jochen Bürkle in der Markenwelt

„Durch seine Reisetätigkeit hat Julius Wörz dem Unternehmen Zugang zu neuen Märkten verschafft und dabei geholfen, die Marke STIHL bekannt zu machen.“

Jochen Bürkle Leiter STIHL Markenwelt und Enkel von Julius Wörz

Mut, Selbstvertrauen und Improvisationsfreude

Ein Gesicht, das auch Jochen Bürkle sehr vertraut ist, denn: Julius Wörz ist sein Großvater. Über ihn kann er so einiges erzählen. Zum Beispiel von der ersten Überseereise, bei der Julius Wörz zuvor noch einen Crashkurs in Englisch bekommt. Seine Reisen in die entlegensten Winkel der Erde sind weit mehr als ein Sprung ins kalte Wasser. Der Chefinstrukteur braucht als Pionier eine gehörige Portion Mut, Selbstvertrauen und Improvisationsfreude. „Man stelle sich vor“, erzählt Jochen Bürkle, „er reiste einfach mit seiner Motorsäge in ein fremdes Land, nach Asien oder Afrika beispielsweise, traf dort einen Ansprechpartner, den er noch nicht persönlich kannte, und reiste mit dem spontan in entlegene Gegenden.“ In einer Zeit ohne Handy geschieht dies ganz ohne Kontakt zur Außenwelt und im Vertrauen auf die Begleitung vor Ort. Mal ist Julius Wörz mit dem Schiff unterwegs, mal mit dem Zug, mal muss er einen Fluss voller Blutegel durchwaten. Und manchmal muss er wieder umkehren und in einem anderen Land ein Visum beantragen, um an sein Ziel zu gelangen.

Julius Wörz 1965 neben einem Wegweiser in Auckland, Neuseeland.

Alle Wege führen in die Welt: 1965 macht Julius Wörz zum Beispiel Station in Auckland, Neuseeland.

Direkter Draht zum Handel

Auch Firmengründer Andreas Stihl hat keine Angst vor unbekanntem Terrain. Er reist bereits in den 1930er-Jahren ins Ausland, unter anderem in die Sowjetunion und die USA, um dort Kundschaft zu gewinnen. Auch baut er wertvolle Kontakte für den Vertrieb seiner Motorsägen auf. Es gibt laufend Bemühungen, die in Deutschland hergestellten Motorsägen im Ausland zu verkaufen. So richtig an Fahrt nimmt das Auslandsgeschäft aber erst ab den 1970er-Jahren auf. Ein zentraler Schritt für den Exporterfolg ist die erste eigene Vertriebsniederlassung 1966 in Wien. Sie ist der Grundstein für den Aufbau eines weltweiten Vertriebsnetzes. Eigene Vertriebsgesellschaften ermöglichen es dem Unternehmen, ohne weitere Zwischenhändler direkt mit dem Handel zusammenzuarbeiten. Das spart nicht nur Kosten, sondern ermöglicht vor allem einen engen Kontakt zu Markt und Kundschaft. Auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen zu können, trägt erheblich dazu bei, dass STIHL 1971 die meistverkaufte Motorsägenmarke der Welt wird – und bis heute ist. Über die Jahrzehnte baut das Unternehmen kontinuierlich Vertriebsgesellschaften auf, mittlerweile sind es 44.

Der unbeschwerte Abenteurer

Wenn auch manchmal auf Umwegen, so gelangt Julius Wörz schließlich immer dorthin, wo jene sind, die am Holz arbeiten. Ihnen demonstriert er die Motorsäge – meist, indem er einen Baum fällt –, erklärt Handhabung, Wartung und Pflege. Und Julius Wörz überzeugt. „Einmal, in Japan, wurde er geholt, um einen Baum zu fällen, der über das Dach eines alten Tempels lehnte. Niemand hatte sich getraut, den Baum zu fällen, weil sie befürchteten, der Tempel könnte beschädigt werden. Nun sollte mein Opa es machen. Es ging gut, er hatte aber gehörigen Respekt, wie er mir später erzählte.“ Solche Anekdoten kennt Jochen Bürkle zuhauf. Ebenso Geschichten, in denen sein Großvater an einem tropischen Erreger erkrankt oder nur knapp einem Flugzeugunglück entgeht, weil er einen im Hotel vergessenen Ring, den er für seine Frau gekauft hatte, holt und eine spätere Maschine nimmt. „Mein Opa hat sich nie Sorgen gemacht, dass etwas passieren könnte. Er war immer unbeschwert und fröhlich“, erzählt Jochen Bürkle.

Julius Wörz bei einem Einsatz 1965 in Japan.

Julius Wörz und andere Menschen im Wald neben einem großen Baum in Japan; Schwarz-Weiß-Foto.

Auch ein bisschen Sightseeing darf auf den Reisen sein – hier 1975 in Peking, China.

Julius Wörz posiert auf der Treppe eines chinesischen Tempels.

Abenteuer am Mekong

Seine Abenteuerlust beschreibt Julius Wörz selbst in seinen Memoiren. Darin erzählt er auch von unerwarteten oder dubiosen Situationen. In Thailand beispielsweise schult er regelmäßig junge Forstbeamte in einer Forstschule. Einmal begleitet er dort eine Motorsägen-Vertreterin nach Laos – mit dem Boot über den Mekong-Fluss –, um dort günstiges Holz für ihr Sägewerk zu kaufen. Die Vertreterin will das Holz mit Motorsägen bezahlen. Julius Wörz geht mit einem etwas mulmigen Gefühl mit, weil er kein Visum für Laos besitzt. „Allein der Gedanke, dass die Lightnings (englische Bezeichnung für die STIHL Contra, Anm. d. Red.) bei den Laoten ohne Einweisung nicht lange leben würden, brachte mich dazu mitzugehen.“ Doch die Situation entpuppt sich als ungefährlich, obwohl Julius Wörz durch ein paar uniformierte Holzhauer kurz verunsichert wird. Die Leute seien „von ausgesuchter Freundlichkeit und Höflichkeit. Erstaunlicherweise waren sie über unsere Motorsägen bestens informiert“, schreibt er. Trotzdem gibt er einen „Kurzlehrgang über den Zusammenbau und das Betriebsfertigmachen der Motorsäge“ – und sieht dabei zu, wie Holz gegen STIHL Geräte getauscht wird.

Erfahrung aus erster Hand

Mit Vorführungen vor Kunden beginnt STIHL bereits in den 1930er-Jahren. Eine aufwändige, aber zuverlässige Methode, um sicherzustellen, dass die Anwender mit den Geräten umgehen können und sich schnell mit deren Pflege und Wartung auskennen. Julius Wörz, der 1939 als 15-Jähriger bei STIHL die Lehre als Mechaniker beginnt und danach 50 Jahre im Betrieb bleibt, wird in der direkten Nachkriegszeit damit betraut, als Vorführer die Verkaufsvertreter zu unterstützen. Vorführungen und Schulungen werden zu seiner Hauptaufgabe. Dabei sammelt er viele Erfahrungen in Deutschland. Als Chefinstrukteur ist er schließlich der erste, der Anwender auch im Ausland instruiert, ab 1951 in Europa, ab 1960 in Übersee – oft in Gegenden, in die zu jener Zeit noch nie zuvor eine Motorsäge gelangt ist, wie beispielsweise auf den Philippinen. So wird STIHL vielerorts die erste Motorsägenmarke, mit der die Menschen in Berührung kommen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Julius Wörz hat Erfolg. Vielleicht gründet sich dieser auf seine Abenteuerlust und seine freundliche, offenen Art. Oder aber es liegt am Qualitätsgerät, das er mitbringt, erfahren handhabt und souverän präsentiert. Vermutlich hilft ihm auch der Umstand, dass er die Motorsäge meist außer Konkurrenz zeigen kann. „Am wahrscheinlichsten ist wohl eine Mischung aus allem. Er war einfach die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, schlussfolgert Jochen Bürkle.

Julius Wörz steht mit einem Händler vor einem Geschäft in Nigeria, das STIHL Geräte verkauft.

Mit der Zeit gibt es im Ausland immer mehr Fachhändler, die STIHL Geräte verkaufen und Service anbieten, zum Beispiel in Nigeria, wo es Julius Wörz 1978 hinzieht.

„STIHLer durch und durch“

„Schon als kleiner Junge war ich gefesselt von den Geschichten, die mein Opa von seinen Reisen erzählte“, sagt Jochen Bürkle. „Er hatte eine tiefe Verbundenheit mit der Marke und dem Unternehmen, war ‚STIHLer‘ durch und durch.“ Die Verbundenheit mit dem Arbeitgeber hat sich auf den Enkel übertragen, der nun selbst schon fast 40 Jahre bei STIHL arbeitet. Zwei Jahre sind sie sogar noch gemeinsam bei STIHL, bevor Julius Wörz nach genau 50 Jahren Betriebszugehörigkeit 1989 in Rente geht.

Julius Wörz und sein Enkel Jochen Bürkle lächeln in die Kamera.

2017 besucht Jochen Bürkle mit seinem Großvater noch die Rentnerfeier von STIHL. Im Jahr darauf verstirbt dieser im Alter von 93 Jahren.

„Es gibt nicht viele Leute bei STIHL, die größere Abenteuer erlebt haben während ihres Arbeitslebens.“

Jochen Bürkle Leiter STIHL Markenwelt und Enkel von Julius Wörz

Produktion im Ausland

STIHL gründet 1973 eine Produktions- und Vertriebsgesellschaft in Brasilien. Es ist die erste Produktionsstätte außerhalb Deutschlands. Ein Jahr später folgen eine Sägekettenfabrik in Wil (Schweiz) sowie ein Produktionsstandort in Virginia Beach (USA). Die ausländischen Produktionsstätten sind von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Unternehmens, auch weil sie den Preisdruck entschärfen, der durch Lohnkosten, Währungsschwankungen und Zölle entsteht. Ohne die Fertigung im Ausland hätte STIHL seine 1971 erreichte Weltmarktführung vielleicht nicht behaupten können. Die mutige Expansion treiben Anfang der 1970er-Jahre Hans Peter Stihl und Eva Mayr-Stihl voran. Die Geschwister übernehmen zu jener Zeit die Unternehmensleitung von ihrem Vater Andreas Stihl. Während Hans Peter Stihl die Expansionsstrategie initiiert, versteht es Finanzchefin Eva Mayr-Stihl, bei allem Risiko finanzielle Vorsicht walten zu lassen: Überall wird zunächst klein angefangen, aber bald beherzt investiert, wenn sich Marktchancen bieten. Heute produziert STIHL weltweit in neun Ländern.

„Wir können aus Deutschland heraus nicht die ganze Welt beliefern.“

Hans Peter Stihl, 2006 Ehemaliger Geschäftsführer von STIHL und Ehrenvorsitzender des STIHL Beirats und Aufsichtsrats
Julius Wörz schüttelt Hans Peter Stihl bei einer Feier in Waiblingen die Hand.

Julius Wörz (links) mit Hans Peter Stihl bei der Rentnerfeier 2017.

Eine Berufung

Die Begehrlichkeiten für STIHL Sägen und deren unvergleichliche Reputation jenseits deutscher Grenzen hat sicher auch Julius Wörz geweckt und gefestigt. Das Reisen, das Botschafter-Sein für STIHL, sei Julius Wörz’ Leidenschaft, seine Berufung gewesen. „Für die Familie, allen voran meine Oma, war es nicht immer leicht, dass er so selten da war“, erinnert sich Jochen Bürkle. Bis zu drei Monate am Stück sei der Großvater manchmal weggewesen, ohne dass man ihn erreichen konnte oder genau wusste, wo er war. „Meine Oma hat es aber mitgetragen und nie infrage gestellt.“ Es habe ihr gefallen, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen. Denn nicht selten seien aus den beruflichen Bekanntschaften von Julius Wörz Freundschaften entstanden. Manche pflegt die Großmutter von Jochen Bürkle noch heute, auch einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2018.

Auch Jochen Bürkle erlebt immer wieder, dass sein Großvater nicht in Vergessenheit geraten ist. Zum Beispiel, wenn Partner aus aller Welt die STIHL Markenwelt besuchen und Julius Wörz anerkennend im Gespräch erwähnen. Auch STIHL intern eilt dem Weltenbummler sein Ruf voraus – auch wenn ihn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nie persönlich kennengelernt haben dürften. „Er war ja immer unterwegs“, sagt Jochen Bürkle schmunzelnd.

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