Mit einem Kraftakt zum Weltmarkt
Die neueste Entwicklung der „Maschinenfabrik Andreas Stihl“ verspricht eine Revolution im Forst: Mit der tragbaren Benzinmotorsäge lassen sich Bäume fällen. Das Publikum der Leipziger Frühjahrsmesse 1930 wird begeistert sein. Nur: Die wenigen bereits gefertigten Geräte sind vergriffen – es fehlt ein Ausstellungsmodell. Wie soll die Kundschaft ohne Vorführung von der Maschine überzeugt werden?
„Man riss uns die Maschinen aus der Hand“, erinnert sich Andreas Stihl später an das Jahr 1929. Ausgerechnet im Jahr der Weltwirtschaftskrise floriert das Geschäft der „Maschinenfabrik Andreas Stihl“. Nicht nur die Elektrosägen, die STIHL seit 1927 vertreibt, sind sehr beliebt. Auch die neu entwickelte, erste tragbare Zweimann-Benzinmotorsäge von STIHL kommt bei der Kundschaft aus der Region gut an. Andreas Stihl will sie 1930 auf der Leipziger Frühjahrsmesse einem breiten Publikum präsentieren – wie schon zuvor seine erste Elektrosäge. Nach dem damaligen Messeauftritt mehren sich die Bestellungen für die Motorsägen.
Leipzig ist also ein Muss für die neueste Entwicklung von STIHL. Es gibt allerdings ein Problem: Die wenigen bereits gefertigten Geräte der Benzinmotorsägen finden in Säge- und Furnierwerken aus der Region dankbare Abnehmer. Kurz vor dem Messestart ist daher kein einziges Gerät mehr auf Lager, das man hätte ausstellen können. Ein Messeauftritt ohne Vorführmodell? Unmöglich.
Auf der Leipziger Messe ist STIHL regelmäßig anzutreffen – hier in den Jahren 1936 und 1937.
Im letzten Schnellzug nach Leipzig
Andreas Stihl hält an dem Entschluss fest, die Benzinmotorsäge in Leipzig zu präsentieren – und lässt die Mitarbeitenden anpacken: Sie schieben Nachtschichten und stellen in Kürze mehrere Exemplare der 46 kg schweren und 6 PS starken Maschine her. Bis 15 Stunden vor Messebeginn wird unter Hochdruck gearbeitet. Der Kraftakt gelingt: Mit dem letzten Schnellzug am Vorabend der Messe kommen die Motorsägen gerade noch rechtzeitig von Stuttgart nach Leipzig.
Der Aufwand lohnt sich: Die Benzinmotorsäge stößt in Leipzig auf großes Interesse. Schon bald wird sie nicht nur an Kundschaft in Deutschland geliefert, sondern auch nach Frankreich, Belgien, in die Niederlande und die Schweiz exportiert. Um die große Nachfrage zu decken, vergrößert Andreas Stihl 1930 den Betrieb: Die Firma mit mittlerweile 30 Mitarbeitenden zieht in den Stuttgarter Stadtteil Cannstatt.
Messe mit Weltbedeutung
In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre hat die Leipziger Messe mit einem Platzangebot von 17 Hallen Weltbedeutung. Bis 1991 finden hier zweimal jährlich – im Frühjahr und Herbst – sogenannte Universalmessen statt, auf denen Firmen verschiedenster Branchen ihre Produkte ausstellen und vorführen. Später wird auf Fachmessen umgestellt. Universal- und Fachmessen sind Mustermessen, auf denen nicht die gesamte Handelsware angeboten, sondern nur Produktmuster gezeigt werden. 1895 fand in Leipzig die weltweit erste Mustermesse statt.
Vorführung einer Zweimann-Benzinmotorsäge auf einer Messe in Stockholm 1936.
Kilogramm wiegt die erste Benzinmotorsäge von STIHL. Sie muss von zwei Personen getragen werden.
Die Säge muss zum Baum
Der Erfolg der tragbaren Benzinmotorsäge gründet sich auf ihre Einsetzbarkeit im Forst: Sie beherrscht den waagrechten Schnitt. Zwar braucht es zwei Personen, um ihr stattliches Gewicht zu tragen, und anfangs wird sie noch hauptsächlich in Sägewerken eingesetzt. Doch im Gegensatz zur ersten Elektromotorsäge, die nur zum senkrechten Zerteilen gefällter Bäume einsetzbar ist, lassen sich mit der Benzinmotorsäge auch Bäume fällen. Sie ist daher als „Baumfällmaschine Typ A“ bekannt. Mit dieser Technik vollzieht sich der entscheidende Schritt der Säge zum Baum, der die Forstwirtschaft nachhaltig verändert.
Stolz präsentieren die Mitarbeitenden von STIHL eine Lieferung von 300 Benzinmotorsägen nach Russland 1931.
Begegnungsort Messe
Die Anwesenheit auf Messen ist zentral, um neue Kundschaft aus aller Welt anzusprechen. Nirgendwo sonst kann man so vielen Menschen in so kurzer Zeit die eigenen Geräte vorführen. Klar, dass auch STIHL sich stets um Messeauftritte bemüht. Heute ist die Präsenz auf Fachmessen nach wie vor ein wichtiges Mittel, insbesondere um Vertreterinnen und Vertreter des Fachhandels zu erreichen und Kontakte zu knüpfen.
Dank des großen Bedarfs an Geräten kann sich die Maschinenfabrik Andreas Stihl der Wirtschaftskrise zunächst entziehen, beginnt sie Ende 1930 aber doch zu spüren. Als die Nachfrage in Deutschland schwindet, findet das Unternehmen im Ausland neue Absatzmärkte – etwa in Russland, Italien sowie insbesondere in den USA und Kanada. Der Export ist eines jener früh aufgebauten Standbeine, das langfristig das Geschäft von STIHL sichert. Die tragbare Benzinmotorsäge wird zum Exportschlager und entpuppt sich als Grundstein für den internationalen Erfolg des Unternehmens.