Stilisierte Illustration in Anlehnung an das Wappen der Republik Singapur, das einen Löwen und einen Tiger zeigt

Schwäbisch Singapur

Ein Konsulat in Waiblingen? Das erwartet wohl kaum jemand – erst recht nicht am Unternehmenssitz von STIHL. Doch genau hier, im Konferenzgebäude, unterhielt Singapur von 2002 bis 2019 ein Honorarkonsulat. Tanja Gröninger, damals Referentin für Konsularangelegenheiten, ist heute noch als Assistentin von Hans Peter Stihl, Dr. Nikolas Stihl und Selina Stihl tätig. Sie erinnert sich noch sehr gut an dieses ungewöhnliche Ehrenamt ihres Senior-Chefs.

Wenn Tanja Gröninger über Menschen aus Singapur spricht, sagt sie „unsere Leute“. Und das, obwohl sie selbst nie in Singapur war. Das ist erstaunlich, schließlich war Tanja Gröninger Referentin für Konsularangelegenheiten. „Ich habe mich mehr mit Singapur auseinandergesetzt als mit jedem anderen Land zuvor.“ Zwar sei sie einmal eingeladen gewesen, nach Singapur zu reisen, „da konnte ich aber nicht“, begründet sie beiläufig.

STIHL beherbergte am Hauptsitz in Waiblingen über 17 Jahre lang ein Honorarkonsulat der südostasiatischen Republik: Das Konferenzzentrum an der Badstraße 98 war die offizielle Adresse des Konsulats.

Das Wappen der Republik Singapur prangte 17 Jahre im Eingangsbereich des Konferenzgebäudes von STIHL.

Das Wappen der Republik Singapur zeigt einen Löwen und einen Tiger, die einen roten Schild mit einem Mond und fünf Sternen flankieren.

Hans Peter Stihl (Mitte) mit Singapurs Botschafter Prof. Walter Woon (links) und dem baden-württembergischen Wissenschaftsminister Prof. Dr. Peter Frankenberg 2002 bei der Eröffnung des Honorarkonsulats in Waiblingen.

Walter Woon, Hans Peter Stihl und Peter Frankenberg (von links) im Gespräch.

Konsularisches Netzwerk

2002 ernannte die Republik Singapur Hans Peter Stihl zum Honorarkonsul. Später wurde er sogar zum Honorargeneralkonsul befördert. Es war unter seinen vielen Ehrenämtern „keines, das besonders viel mit der Firma STIHL zu tun hat“, findet Tanja Gröninger. Gerade weil die Konsulatstätigkeit etwas unter dem Radar und nebenbei auf dem Firmengelände von STIHL stattfand, hängt ihr etwas Aufregendes und Geheimnisvolles an.

Wie es dazu kam? Singapur habe eine Vertretung in Süddeutschland gesucht, weil es damals nur die Botschaft in Berlin und ein Konsulat in Hamburg gab, berichtet Tanja Gröninger. „Vorrangig für Singapur war, dass man jemanden findet, der es sich leisten kann, ein Konsulat zu betreiben, dafür die Örtlichkeiten hat und eben auch das Netzwerk. Also hat Herr Stihl es gemacht.“

Eine Gruppe von Frauen.

Tanja Gröninger (rechts) 2002 bei der Eröffnung des Honorarkonsulats der Republik Singapur.

Vernetzung als Schlüssel

Staaten können jedermann zum Honorarkonsul berufen, auch Personen, die keine Staatsangehörigen sind. In der Regel wird jemand angesprochen, der wirtschaftliche oder unternehmerische Beziehungen zu dem Staat hat und gut vernetzt ist. Das Netzwerk des Honorarkonsuls ist für den Staat von großem Interesse, denn Unternehmen und Investoren sollen auf den Staat aufmerksam werden. Im Gegenzug ist das Amt des Honorarkonsuls für die betreffende Person nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine Chance, das eigene Netzwerk weiter auszubauen und sein Unternehmen bekannter zu machen. Zudem erhält der Konsul ein paar Annehmlichkeiten wie ein CC-Autokennzeichen, das salopp Diplomatenkennzeichen genannt wird und Angehörige eines Berufskonsulats als solche ausweist.

Hans Peter Stihl kannte Singapur von seinem früheren Ehrenamt als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), in dessen Rahmen er das weltweite Netz der Auslandshandelskammern (AHKs) ausbaute. Enge persönliche Kontakte pflegte er aber nicht und auch STIHL hatte in Singapur nur ein Vertriebsbüro. Tanja Gröninger glaubt deshalb, dass die Anfrage für das Konsulat nicht über direkte Kontakte aus Singapur, sondern über das konsularische Korps von Baden-Württemberg zustande kam. „Die Konsuln sind ja alle Unternehmer, die sich kennen“, erläutert sie.

Zahlreiche Ehrenämter

Hans Peter Stihl war ab den 1970er-Jahren ehrenamtlich stark engagiert, etwa in Metallindustrie-Verbänden. Sein wohl wichtigstes Amt war das Präsidium des Deutschen Industrie- und Handelstages (1988–2001). Damit war er eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Wirtschaft. Fast zeitgleich (1989–2001) war er Präsident der IHK Region Stuttgart. Für Hans Peter Stihl waren diese Ämter Ehre und verantwortungsvolle Aufgabe zugleich: Er nutzte sie, um sich für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands einzusetzen. Ihm ging es bei seinem gesellschaftspolitischen Engagement darum, die Wirtschaft zu stärken, Arbeitsplätze zu erhalten, die Sozialsysteme und den Wohlstand zu sichern. Als sich Hans Peter Stihl 2002 aus dem operativen Geschäft bei STIHL zurückzog, hatte er auch alle Ehrenämter niedergelegt. Das Honorarkonsulat von Singapur, das er damals neu annahm, war seither sein einziges Ehrenamt, das er bis 2019 innehatte.

100
150

Visa im Jahr hat Tanja Gröninger eigenen Schätzungen zufolge ausgestellt.

Pässe, Visa, Beglaubigungen

Neben Networking und der Ausrichtung von Veranstaltungen, an denen sich Singapur den Wirtschaftsvertretern Baden-Württembergs präsentieren konnte, hatte Hans Peter Stihl wenige konsularische Aufgaben, die er selbst ausführte. Für alles Weitere gab es eben die Referentin für Konsularangelegenheiten, Tanja Gröninger. „Ich war anfangs ein paar Tage in der Botschaft in Berlin, habe das Aufgabengebiet erläutert bekommen und wurde mit Stempeln ausgerüstet.“ Danach war sie dafür zuständig, Visa für Reisende nach Singapur auszustellen, Reisepässe für singapurische Staatsangehörige zu verlängern oder auch beglaubigte Kopien von Zeugnissen anzufertigen. „Die Entscheidung, wer ein Visum bekommt, kam aber von der Botschaft, wir waren nur die Mittler und diejenigen, die das Dokument ausstellten“, erklärt Tanja Gröninger.

Pro Woche habe sie durchschnittlich zwei Visa ausgestellt, hauptsächlich für chinesische, indische und russische Staatsangehörige. Singapurer selbst kamen gar nicht so oft ins Konsulat, erzählt Tanja Gröninger, außer wenn in Frankfurt Buchmesse war: „Auf der Buchmesse wurden unseren Leuten ganz oft die Pässe gestohlen, weshalb wir dann viele Übergangspässe ausstellen mussten.“

Portrait Tanja Gröninger.

„Wenn die Buchmesse in Frankfurt war, sind unheimlich viele Pässe gestohlen worden.“

Tanja Gröninger Ehemalige Referentin für Konsularangelegenheiten und heutige Assistentin von Hans Peter Stihl, Dr. Nikolas Stihl und Selina Stihl

Mühsame Anreise

Ein Konsulat in Süddeutschland anbieten zu können, war für Singapur eine vorteilhafte Serviceleistung. „Für jene, die mit dem ÖPNV nach Waiblingen fahren mussten, war es allerdings ungünstig, dass sich das Konsulat nicht in Stuttgart befand“, meint Tanja Gröninger und räumt gleichzeitig ein: „Wäre die Anreise für die Leute nicht so unbequem gewesen, hätten wir aber vermutlich mehr zu tun gehabt.“ So habe sie die Konsulatsangelegenheiten neben ihrer Aufgabe als Assistentin von Hans Peter Stihl jedoch stemmen können.

Das Honorargeneralkonsulat in Waiblingen wurde 2019 nach 17 Jahren geschlossen. Heute vermisst Tanja Gröninger die abwechslungsreiche Tätigkeit manchmal, das lebhafte Kommen und Gehen im Konsulat. Mit manchen Ansprechpartnerinnen aus jener Zeit hält sie bis heute Kontakt. Und wer weiß: Vielleicht zieht es sie ja doch noch einmal nach Singapur zu „ihren“ Leuten …

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