Wie der Umbau der Wälder gelingen kann
Der Klimawandel verändert die Wälder weltweit. Wie können wir sie als lebenserhaltende und klimaregulierende Ökosysteme schützen und sie gleichzeitig weiter als Ressource nutzen? Die Antwort kennt Prof. Dr. Benno Pokorny, Professor für Waldbau an der Universität Freiburg.
Die Frage treibt nicht nur Waldbauexpertinnen und -experten um. Sie aber kennen schon die Antwort: Gesunde Wälder, die nachhaltig genutzt werden, liefern zuverlässig Holz und andere Produkte, regulieren aber auch das Klima. Mit ihrer Biodiversität sind sie die Basis des komplexen globalen Ökosystems, sie speichern Kohlenstoff, sorgen für sauberes Wasser und frische Luft.
Prof. Dr. Benno Pokorny
Neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität Freiburg erforscht Prof. Dr. Benno Pokorny seit 30 Jahren das Zusammenspiel von indigenen und traditionellen Gemeinschaften, Kleinbauern und Wäldern in den Tropen und Subtropen. In diesem Zusammenhang war er bis Anfang 2026 in der Entwicklungszusammenarbeit in Brasilien tätig, um die Lebenssituation von lokalen Gemeinschaften in Amazonien zu verbessern – auch damit sie ihrer zentralen Rolle beim Naturwaldschutz weiter nachkommen können.
Gesunde, diverse und ökologisch stabile Wälder sind so eine Sache. In den gemäßigten Breiten, wie Europa oder die USA, wurden große Teile der ursprünglichen Naturwälder in Siedlungs- und Ackerflächen oder in Wirtschaftswälder, die für die Holzgewinnung genutzt werden, umgewandelt. Die Wirtschaftswälder leiden stark unter der Klimaerwärmung: Extremwetterereignisse nehmen zu, die Temperaturen steigen, es fällt weniger Niederschlag. Ausgedehnte Trockenzeiten schwächen die Bäume – insbesondere die weit verbreitete Fichte – und macht sie anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Ein Feuer oder einen starken Sturm übersteht ein geschwächter Wirtschaftswald nur schlecht.
Naturwald und Wirtschaftswald
Prof. Dr. Benno Pokorny unterscheidet zwischen Natur- und Wirtschaftswäldern. Erstere sind überwiegend natürlich gewachsen und weitgehend unberührt geblieben. Wirtschaftswälder sind durch gezielte Eingriffe des Menschen entstanden, etwa durch Aufforstungen von ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen. Wirtschaftswälder sind im Vergleich zu Naturwäldern oft artenärmer und strukturarm, insbesondere in den Tropen. Oft handelt es sich um intensiv bewirtschaftete Monokulturen.
Prozent der Waldbrände sind von Menschen verursacht.
Nadelbäume derselben Art in Reih und Glied: So sieht ein klassischer artenarmer Wirtschaftswald in gemäßigten Klimazonen oft aus.
Resiliente Wälder
Die Forstwirtschaft ist darauf angewiesen, dass Wirtschaftswälder gesund sind und resilienter gegen Klimaveränderungen werden, um das wirtschaftliche Risiko zu mindern. Geeignete Maßnahmen dafür seien längst bekannt, erklärt Prof. Dr. Benno Pokorny: „Monokulturen vermeiden und verschiedene Baumarten nutzen, Strukturen schaffen, Totholz erhalten, und einen Anteil der Flächen, insbesondere entlang von Wasserlinien, möglichst natürlich belassen.“ Struktur bezieht sich dabei auf Alter, Höhen und Größen, wie auch auf die Anordnung der Bäume und Pflanzen. Zudem sollte eine Infrastruktur etabliert werden, die es erlaube, Bäume einzeln zu entnehmen und großflächige Rodungen zu vermeiden, so Prof. Dr. Pokorny. Zusätzlich könne ein geregeltes Feuermanagement, wie es bereits in den USA oder mediterranen Ländern teilweise praktiziert wird, die katastrophalen Auswirkungen von Feuer mindern.
Prof. Dr. Benno Pokorny Professor für Waldbau, Universität Freiburg„Strukturreiche und diverse Wälder reduzieren die Risiken.“
Strukturreiche Mischwälder sind resilienter gegen Klimaveränderungen als Monokulturen.
Umbau birgt Hürden
Eigentlich ist längst bekannt, dass Wirtschaftswälder struktur- und artenreicher werden sollten. Doch diese Art der nachhaltigen Forstwirtschaft gilt als technisch schwierig und teuer, weil die Bewirtschaftung anspruchsvoll ist und es unter Umständen länger dauert, bis Holz in größeren Mengen genutzt werden kann. Spätestens seit der Klimawandel auch in Mitteleuropa immer deutlichere Formen annimmt, bemühen sich einige Staaten, wie etwa Deutschland, Österreich, Frankreich oder die Schweiz, ihre Wirtschaftswälder mit hohen Investitionen zu stabilen Ökosystemen umzubauen. „Das funktioniert aber nur im ausreichenden Maße, wenn Fördermittel vorhanden sind, weil das sonst für die Waldbesitzer kaum finanzierbar ist“, räumt Prof. Dr. Pokorny ein. „In den Tropen ist die Situation noch dramatischer“, führt er aus. „Dort besteht die Tendenz, die noch vorhandenen Naturwälder in Acker- und Weideflächen umzuwandeln, oder die degradierten Flächen mit Monokulturen aus schnellwachsenden, dort nicht heimischen Baumarten großflächig aufzuforsten.“
Dass der Umbau der Wälder trotz des vorhandenen Wissens vielerorts nicht oder nur schleppend vorangeht, dafür nennt Prof. Dr. Pokorny vor allem zwei Gründe: eine kurzfristige wirtschaftliche Perspektive und die Macht der Gewohnheit. „Das Denken in monetären Dimensionen kann es rentabler erscheinen lassen, einen Naturwald abzuholzen und Monokulturen zu bewirtschaften, um schnell Einnahmen zu generieren und den Ertrag gewinnbringend zu investieren. Langfristige, generationenübergreifende Investitionen oder Leistungen des Waldes, die nicht bezahlt werden, spielen dann eine untergeordnete Rolle bei den Entscheidungen.“ Außerdem sei es immer schwierig, eingefahrene Denkmuster, Regeln und Routinen zu ändern – im Einzelfall, aber auch auf Ebene des globalen Wirtschaftssystems. Es fehlen zudem Fachpersonen, die etwaige Veränderungen umsetzen könnten – ein Teufelskreis. „Es gibt aber in allen Regionen der Welt Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht“, sagt Prof. Dr. Pokorny.
Biodiversität als Lebensgrundlage
Biodiversität gilt in der Wissenschaft als Grundlage des Lebens. Ohne das komplexe Zusammenspiel verschiedener Pflanzen- und Tierarten gibt es keine stabilen Ökosysteme. Das bedeutet: Nur Artenreichtum garantiert resiliente Lebensräume, die Klimaveränderungen, Umweltverschmutzung, Feuer oder Unwetter überstehen und Massenvermehrungen von Schädlingen abwehren. Biodiverse Ökosysteme binden Kohlenstoff und unterstützen die Regulierung des Klimas. Laut Prof. Dr. Pokorny geht die zentrale Bedeutung der Biodiversität gerade bei Aufforstungsprojekten für den Klimaschutz oft vergessen, wie er an einem Beispiel ausführt: „Eine aufgeforstete Eukalyptusplantage bindet zwar auch als intensiv bewirtschaftete Monokultur Kohlenstoff, aber weniger als ein artenreicher Naturwald. Sie ist zudem hohen Risiken ausgesetzt und trägt nur wenig zur ökologischen Grundlage unseres Lebens bei.“
In den Alpen verschiebt sich die Waldgrenze durch die Klimaerwärmung nach oben.
Naturwälder verschwinden – Waldfläche bleibt gleich
Je nach Klimazone habe der Klimawandel unterschiedliche Auswirkungen auf die Wälder, sagt Prof. Dr. Pokorny. „In den Tropen und Subtropen ist eine Artenverschiebung zu beobachten: Der Wald bleibt bestehen, aber bestimmte Baumarten verschwinden.“ In kühleren Gebieten, den borealen und subalpinen Zonen, entstehen neue Waldflächen, weil sich durch die Klimaerwärmung die Waldgrenzen verschieben. „Insgesamt bleibt die weltweite Nettowaldfläche etwa gleich“, sagt Prof. Dr. Pokorny, „allerdings mit dem großen Unterschied, dass die Biodiversität dennoch dramatisch abnimmt.“
Die Maßnahmen wären also klar, doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Dasselbe gilt für den Schutz der Naturwälder. Diese zu erhalten, ist laut Prof. Dr. Pokorny die wichtigste Aufgabe angesichts des Klimawandels. „Vor allem die tropischen Wälder sind sehr biodivers. Werden sie zerstört, gehen viele Arten und ihr genetisches Material für immer verloren. Diesen Verlust kann man durch Aufforstungen nicht kompensieren.“ Möglich sei es durchaus, diese Wälder zu erhalten, ist Prof. Dr. Pokorny überzeugt: „Wir benötigen keine Naturwälder für die Holzgewinnung – die Wirtschaftswälder reichen dafür aus. Mehr noch: Gerade in Deutschland wäre es wichtig, mehr und größere Schutzgebiete auszuweisen.“
Prozent aller auf der Erde lebenden Tier- und Pflanzenarten sind gemäß Schätzungen in tropischen Regenwäldern zuhause.
Indigene Gemeinschaften schützen den Wald
Naturwälder sollten also möglichst in Ruhe gelassen werden. In manchen Fällen ist eine Bewirtschaftung im kleinen Rahmen durch die lokale Bevölkerung aber durchaus sinnvoll, wie ein Beispiel aus Bolivien zeigt. In der Chiquitania, ein über 16 Millionen Hektar großes Waldgebiet im Osten Boliviens, hat Prof. Dr. Pokorny 2018 mit Unterstützung von STIHL ein Forschungsprojekt initiiert. Hier nutzen indigene Gemeinschaften seit jeher die Produkte des Waldes. Heutzutage fällen die Menschen Bäume, zersägen sie zu Brettern und verkaufen sie an Sägewerke und Schreinereien, um dringend benötigtes Einkommen zu generieren.
Kontraproduktive Gesetzgebung
Was selbstverständlich klingt, ist noch gar nicht so lange legal: Bis vor wenigen Jahren war es in Bolivien verboten, Stämme im Wald zu Brettern zu zersägen. Stattdessen mussten aufwendige Pläne formuliert und von den Behörden autorisiert werden, um die Bäume zu fällen, die Stämme ganz aus dem Wald zu transportieren und in Sägereien zu verarbeiten ein Aufwand, den sich die indigenen Gemeinschaften nicht leisten konnten. Dass das Gesetz so geändert wurde, dass nun die Stämme durch die Familien verarbeitet, transportiert und verkauft werden können, ist dem Forschungsprojekt von Prof. Dr. Pokorny zu verdanken. STIHL unterstützt dieses wie auch weitere Projekte, die Wälder schützen, erhalten oder wiederaufforsten.
Laut Prof. Dr. Pokorny ist die Nutzung des Naturwalds durch die indigene Bevölkerung ohne schwere Maschinen auch im Interesse des Waldschutzes. „Menschen, die im Wald leben, schützen diesen durch ihre Anwesenheit besser vor Rodungen für landwirtschaftliche Nutzung als Gesetze.“ Eine Holznutzung durch die lokale Bevölkerung verändere den Wald zwar auch. Die Eingriffe mit der Motorsäge seien aber weit weniger zerstörerisch als eine maschinelle Holznutzung.
Prof. Dr. Benno Pokorny Professor für Waldbau, Universität Freiburg„Das Projekt in Bolivien zeigt einen Weg auf, wie man Armut bekämpfen und gleichzeitig den Naturwald schützen und erhalten kann.“
In Bolivien dürfen die Stämme heute wieder im Wald zu Brettern weiterverarbeitet werden – eine wichtige Einkommensquelle für die indigenen Gemeinschaften.
Die indigenen Gemeinschaften leben in der Chiquitania, ein über 16 Millionen Hektar großes Waldgebiet im Osten Boliviens.
Eine gemeinsame Zukunft
Der Schutz der Naturwälder und ein klimagerechter Umbau der Wirtschaftswälder liegen in der Hand und der Macht der Menschen. Finanzielle und politische Hürden sowie altgediente Verhaltensmuster erschweren aber beides. Was den Waldexperten trotzdem optimistisch stimmt: „Dass es immer noch Organisationen und Menschen gibt, die sich dafür einsetzen und sinnvolle Initiativen fördern.“ In der Hoffnung, dass immer mehr Entscheidungsträger zur Erkenntnis gelangen, dass die Zukunft der Wälder und der Menschen dieselbe ist.