Gemischtes Blatt

Refugium, Lunge, Süßwasserspeicher, Holzdepot – was wäre der Mensch ohne seinen Wald? Im „Haus des Waldes“ in Stuttgart wird die menschliche Bindung zum Wald gefestigt – zum Beispiel in Seminaren, auf einem Naturerlebnispfad und in einer Ausstellung. Dass die Bedürfnisse des Waldes im Umbruch sind und nicht zuletzt ein Umdenken der Forstwirtschaft erfordern, weiß Förster Dr. Alexander Abt. Unterwegs zu einem klimastabilen Wald.

„Die wenigsten sehen es, aber hier unten läuft ein echtes Wettrennen ab“, sagt Dr. Alexander Abt fast schon verschwörerisch, während er in Bodennähe kauernd vorsichtig ein paar Setzlinge tätschelt. Bergahorn, Buche, Tanne, dazwischen eine Hickorynuss und Dackeldame „Paulchen“ – auf der untersten Etage des Staatswalds bei Stuttgart-Degerloch steht buchstäblich ein Miniaturmischwald in den Startlöchern. Naturverjüngung auf wenigen Quadratmetern, nennt das Dr. Alexander Abt. Wer hier das Rennen macht und in die oberen Etagen emporwächst, sei heute noch nicht absehbar und in erster Linie abhängig davon, wie sich das Klima weiter verändere. Erst einmal die Wahl zu haben und auf die eine oder andere Baumart setzen zu können, bedeutet für den beim staatlichen Forstbetrieb ForstBW beschäftigten Förster und Waldbaureferenten aber aus dem Vollen zu schöpfen. Dr. Alexander Abt ist überzeugt: Wir brauchen diese Vielfalt. Der Wald der Zukunft muss aus vielen unterschiedlichen Baumarten bestehen.

Zur Person

Dr. Alexander Abt ist Förster aus Leidenschaft und Waldbaureferent aus Überzeugung. Mit Neugründung von ForstBW 2020 wechselte er in die Anstalt öffentlichen Rechts. Seither ist er dafür zuständig, dass im Staatswald die Konzepte, die sich das Land Baden-Württemberg als Waldeigentümer vorgibt, umgesetzt werden. Er ist auch für die Entwicklung dieser Konzepte verantwortlich, mit denen sich der Wald den Klima-Herausforderungen der Zukunft stellt. Dazu gehört zum Beispiel, auf Testflächen neue Baumarten auszuprobieren.

Wie eine zukunftsfähige Forstwirtschaft gelingen und klimastabile Wälder entstehen können, bringt Waldbauexperte Dr. Alexander Abt im Interview auf den Punkt.

Die ökologische Brille

Die guten Nachrichten schickt Dr. Alexander Abt gleich vorneweg: „Für den Wald hier war der Sommer 2025 recht gut. Es hat viel geregnet. Wir hatten bei Weitem nicht das Käferholz mit dem wir gerechnet haben.“ Und: Deutschland gehöre zu den waldreichsten Industriestaaten der Erde und habe europaweit die naturnahesten und vorratsreichsten Wälder. Strenge Waldgesetze, Zertifizierungssysteme, NGOs und Lobbyisten sorgen zudem dafür, dass dem Wald in Deutschland nichts passiert.

Dennoch entzünden sich am Wald seit jeher gleichermaßen ökologische wie ökonomischen Debatten: Wie viel Waldpflege muss sein? Wie viel Holz darf geerntet werden? Den Deutschen attestiert Dr. Alexander Abt dabei ein eher irrationales Verhältnis zum Wald. „Wir haben den Wald in den letzten Jahren nur noch durch die ökologische Brille betrachtet, was einerseits richtig ist, doch der Wald ist ja nicht nur Lebensraum für Tiere. Wir brauchen den Wald, damit Wasser gespeichert wird, wenn hohe Niederschläge kommen. Wir brauchen ihn als Schall-, Muren- und Lawinenschutz.“ Für Dr. Alexander Abt ist klar: Der Wald in Deutschland muss bewirtschaftet werden. Und er braucht eine Forstwirtschaft, die evidenzbasiert, also wissenschaftlich fundiert arbeitet und sich am Zeitgeist orientiert.

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Prozent Waldanteil hat die Industrienation Deutschland gemessen an ihrer Gesamtfläche und steht damit gut da.

Ein Dackel hält einen Stock im Maul.

Seit 2020 arbeitet Dr. Alexander Abt für die AöR ForstBW. Dackeldame Paulchen begleitet ihn auf seinen Streifzügen durch den Wald.

Ein Mann und ein Dackel hocken im Wald.

„Ein Wald ist immer das Spiegelbild der Gesellschaft. Wir formen unsere Wälder immer so, wie wir sie als Gesellschaft brauchen. Das war im Mittelalter so, das war in der Renaissance so und das ist heute so.“

Dr. Alexander Abt Forstwissenschaftler bei ForstBW

Wahrscheinlich warm und trocken

Wir kommen dennoch nicht umhin uns einzugestehen: Es gibt ihn, den Patient Wald. Diagnose: Klimawandel. Dessen Herausforderungen machen natürlich auch nicht vor der Forstwirtschaft halt. Das Ausloten von Wahrscheinlichkeiten nimmt dabei einen hohen Stellenwert in Dr. Alexander Abts Arbeit ein. „Es gibt unterschiedliche Szenarien, wie sich das Klima verändern wird: Entweder der Golfstrom reißt ab und es wird kalt – ein mögliches, aber eher unwahrscheinliches Szenario. Wahrscheinlicher ist, dass es warm und trockener wird und Umweltkatastrophen wie Stürme, Starkregen und Frost in einer viel höheren Frequenz und Heftigkeit auftreten.“

Auf diese „garstigen Bedingungen“, wie er sagt, will Dr. Alexander Abt den baden-württembergischen Wald vorbereiten. „Unsere Wälder, wie sie heute sind, werden dem Klima der Zukunft höchstwahrscheinlich nicht standhalten können. Deshalb müssen wir sie verändern.“ Die Wälder des Mittelmeergebietes taugten dabei nur bedingt als Leitbild, denn dort gebe es kaum Frost. Olivenhaine rundum Stuttgart sind daher eher unwahrscheinlich. Andere Lösungen müssen her. Zum Glück besitzen Förster ein hohes Maß an Experimentierfreude.

Feldahorn, Hainbuche und Speierling

„Ich persönlich mag ja die exotischeren Baumarten. Buche find‘ ich eher langweilig“, zwinkert Dr. Alexander Abt. Bei der Wahl klimastabiler Waldbausteine gehe es aber natürlich um mehr als um Geschmack und Spielereien. „Wir brauchen neue Baumarten. Es liegt aber nahe, erst einmal aus diesem bunten Strauß von Baumarten zu wählen, den wir schon haben – Feldahorn, Hainbuche und Spitzahorn zum Beispiel, genauso Speierling“, sagt Dr. Alexander Abt. „Das sind spannende Baumarten, die selbst Forstleute ein bisschen vergessen haben.“ Zu vernachlässigen seien nicht-heimische Arten aus Asien oder Nordamerika trotzdem nicht, unterstreicht er. Auch sie hätten im klimastabilen Wald der Zukunft ihre Berechtigung – als Ergänzung zum heimischen Portfolio. Seine Hoffnung: „Sollte eine Baumart ausfallen, so steht daneben gleiche eine andere, die den freiwerdenden Platz besetzen kann.“

ForstBW

ForstBW ist als hundertprozentige Tochter des Landes Baden-Württemberg eine Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR). Sie ist verantwortlich für rund 325.000 Hektar Staatswald. Der Forstbetrieb gestaltet diese Fläche nicht nur wirtschaftlich, sondern lässt hier auch Biotope für Tiere und Pflanzen entstehen. Auch die Bevölkerung des Landes findet im Staatswald eine Erholungsfläche mit frischer Luft und frischem Wasser vor. Sie sorgt für Lärmschutz an Autobahnen und Industrieanlagen und filtert Staub aus der Luft. ForstBW bekam mit seiner Neugründung als AöR im Jahr 2020 den gesetzlichen Auftrag, für alle Menschen in Baden-Württemberg Umweltbildung anzubieten. Diesem Auftrag wird der Forstbetrieb unter anderem im „Haus des Waldes“ gerecht.

Der Wald der Zukunft, ist sich Dr. Alexander Abt sicher, muss aus unterschiedlichen heimischen, aber auch nicht-heimischen Arten bestehen. Große Stücke hält er beispielsweise auf die Schindelborkige Hickorynuss und den fast vergessenen Speierling, dessen Früchte kleinen Äpfeln gleichen.

Auf einer Handfläche liegen vier Apfelfrüchte des Speierling.
Blattwerk im Gegenlicht.

Ein wertvolles Holz

In diese Kategorie fällt auch die Schindelborkige Hickorynuss aus Nordamerika, die auf den ersten Blick an eine Mischung aus Walnussbaum und Kastanie erinnert. Von dieser ungewöhnlichen Baumart haben es ein paar Exemplare in den Wald bei Degerloch geschafft. Wie? Das weiß auch Dr. Alexander Abt nicht so genau. Sicher ist, dass die stattlichen Bäume hier schon mehr als hundert Jahre in den Himmel wachsen – und Förster offenbar schon früher gerne experimentierten. Für Dr. Alexander Abt ist „der Hickory“ eine echte, weil hochwertige und wertvolle Option. In den Baumschulen von ForstBW werden aus den Samen der Hickorynuss deshalb Setzlinge gezogen und Waldbesitzern und Waldbesitzerinnen zur Verfügung gestellt.

Hände prüfen einen Baumsetzling.

Wälder brauchen Pflege

Den Wald stilllegen und Mutter Natur machen lassen – für Dr. Alexander Abt ist das eine eher blauäugige Vorstellung. Was viele verkennen, ist, dass die vermeintliche Naturlandschaft schon lange eine von Menschen überprägte Kulturlandschaft ist, die für Menschen eben auch wichtige schützenden Funktionen erfüllt. Kein anderes Bundesland habe so viele naturnahe Wälder wie Baden-Württemberg. „Wir versuchen dieser Verantwortung gerecht zu werden, einen Rohstoff zu produzieren und gleichzeitig ein Habitat für Insekten oder Pilze darzulegen“, unterstreicht er. Dennoch bräuchte der Wald Pflege. „Das heißt, wir brauchen technische Mittel, um dieses gepflegte Gesicht zu formen und den Wald zu bewirtschaften. Ohne eine Motorsäge, ohne einen Freischneider, ohne eine Schere gelingt das nicht.“

Und Wälder brauchen Menschen, die sie mit Know-how und Expertise bewirtschaften. ForstBW bildet jedes Jahr 100 Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter aufs Neue aus. „Wir versuchen, unsere Leute mit moderner Technik, hohem Know-how und guter Ausbildung zu befähigen, sicher, effizient und gesund Holz zu machen, sodass sie bis ins hohe Alter arbeiten können“, erläutert Dr. Alexander Abt.

90

Prozent der baden-württembergischen Wälder bestehen aus heimischen Baumarten.

Heller Raum mit Glas- und Holzelementen
Ein Mann sitzt in einem hellen Raum umgeben von Holzelementen.
Regal mit beschrifteten Kisten.
Im „Haus des Waldes“ betreibt ForstBW Umweltbildung im großen Stil und bringt insbesondere Kindern und Jugendlichen die Natur mit all ihren Schätzen näher.
Ein Mann steht im Wald.

„Insbesondere Kinder müssen begreifen, dass Ressourcen endlich sind und der Wald ein schützenswerter und verletzlicher Lebensraum ist. Jeder kann mit seinem Verhalten dazu beitragen, dass es dem Wald besser geht.“

Dr. Alexander Abt Forstwissenschaftler bei ForstBW

Eine Chance

Auch im „Haus des Waldes“ geht es um sehr grundsätzliche Dinge. Hier sehen vor allem Kinder den Wald mit neuen Augen. Manchmal zum ersten Mal. „Es kommen schon mal Jugendliche ins Haus des Waldes, die mit ihren 15 oder 16 Jahren noch keine Erfahrung im Wald hatten. Die sind maßlos überfordert“, erzählt Dr. Alexander Abt. Auch hier setzt die Umweltbildung an, versucht, den Wald positiv zu verknüpfen und in seiner Vielseitigkeit begreifbar zu machen. „Kinder und Jugendliche brauchen ein Bewusstsein dafür, dass auch ihr urbanes, digitales Leben mit dem Wald und dessen Ressourcen verbunden ist“, schlussfolgert er. Die Herausforderungen für die nachfolgenden Generationen könnten größer nicht sein. Es sei aber auch eine Chance, es ein bisschen besser zu machen als die Vorgängergeneration, findet Dr. Alexander Abt – und kommt der Jugend mit seiner Arbeit ein bisschen entgegen.

Haus des Waldes

Das „Haus des Waldes“ in Stuttgart ist das landesweite Kompetenzzentrum für Waldpädagogik in Baden-Württemberg. Es schafft insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für natürliche Ressourcen und regt zu einem ökologisch verträglichen, nachhaltigen Verhalten an. Rund 45.000 Besucherinnen und Besucher verzeichnet das „Haus des Waldes“ jährlich. Etwa 90 Seminare werden hier für unterschiedlichste Zielgruppen, allen voran Schulen, angeboten. Heute ist die Einrichtung Teil von ForstBW, dem größten baden-württembergischen Forstbetrieb. Auch STIHL zählt zu den Unterstützern der Einrichtung.

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