Vielfalt gibt den Ton an
Zwischen Asphalt und Beton sorgen Pflanzen, Gewässer und Tiere für ein angenehmes Klima. Dabei erzählt die Natur so einiges über ihren Zustand – wenn man ihr genau zuhört. Mithilfe von Geräuschsensoren auf den Werksgeländen von STIHL können Biodiversitätsexpertinnen und -experten bestimmen, wie diese Standorte zu besseren Lebensräumen werden.
Direkt vor der STIHL Markenwelt steht eine Laterne, an deren Pfahl ein unscheinbares Kästchen mit Solarzelle befestigt ist. Das Gerät zeichnet Umgebungsgeräusche auf. Falls jetzt das Kopfkino Agentenfilme abspielt: Keine Sorge, der Sensor ist so programmiert, dass menschliche Stimmen nicht analysiert werden können. Die Mikrofone sind auf Tiere spezialisiert, insbesondere auf Vogelstimmen. Denn Vögel, so weiß man aus der Forschung, sind wichtige Indikatoren für den Zustand eines Ökosystems. Wer sie beobachtet, kann viel über ihren Lebensraum herausfinden.
Und wie lassen sich Vögel besser beobachten als durch ihr Zwitschern, Singen und Rufen? Bei dem sogenannten akustischen Biodiversitätsmonitoring auf dem Gelände von STIHL werden ihre Stimmen nicht nur aufgezeichnet, sondern auch ausgewertet. Alle Informationen der Sensoren werden auf einer zentralen Plattform zusammengeführt. So wird seit März 2026 ermittelt, wie es um die Artenvielfalt auf den Firmengrundstücken steht. Dies ermöglicht, gezielte Maßnahmen für eine Verbesserung der Biodiversität zu ergreifen.
Der Sensor am Laternenpfahl bei der STIHL Markenwelt zeichnet nicht nur Geräusche, sondern auch Daten wie Temperatur, Feuchtigkeit und Luftdruck auf.
Die Grafiken auf dem Dashboard geben Auskunft über die verschiedenen Vogelarten, die von den Sensoren beim STIHL Werk 2 gehört wurden (Stand: 18.06.2026). Im Verlauf abgebildet ist auch das Pilotprojekt im Herbst 2025. Für jeden Standort gibt es eine eigene Übersicht auf der Monitoring-Plattform.
Pionierrolle: Erste messbare Kennzahl für Biodiversität
STIHL befasst sich im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie intensiv mit der Biodiversität von Ökosystemen, denn sie ist die Grundlage des Lebens. „Um etwas über den Zustand und mögliche Veränderungen unserer Firmengelände zu erfahren, müssen wir zunächst die Biodiversität messen. Aber wie?“ Vor diesem Problem stand Dr. Friedemann Stock, Nachhaltigkeitsbeauftragter von STIHL. Auf der Suche nach einer sinnvollen Methodik stieß er auf das akustische Biodiversitätsmonitoring von Hula Earth. Auf Anregung von STIHL hat das Münchner Start-up den „realisierten Vogelindex“ (international: „Biodiversity Richness“) als messbare Kennzahl für die Vergleichbarkeit von Biodiversität definiert. „In diesem Bereich nehmen wir eine Pionierrolle ein“, sagt Dr. Friedemann Stock. Die Kennzahl kann nun in allen Monitoringprojekten von Hula Earth darüber Auskunft geben, wie groß die Artenvielfalt in dem untersuchten Gebiet tatsächlich ist und wie groß sie im Vergleich dazu sein könnte.
Immer mehr urbane Ökosysteme
Tiere ermöglichen und regulieren viele ökologische Prozesse: Sie bestäuben Pflanzen, verbreiten Samen, zersetzen pflanzliches Material. Wenn viele verschiedene Pflanzen und Tiere in einem Gebiet vorkommen, ist dort das Klima besser und überhaupt erst ein ausgewogener Lebenskreislauf möglich. Städte und Industriegebiete bilden dabei keine Ausnahme – im Gegenteil: „Eine größere biologische Artenvielfalt kann urbane und industriell geprägte Gebiete aufwerten“, sagt der Biologe Peter Endl. „Neben positiven klimatischen Effekten verbessert sich auch die Lebensqualität der Menschen.“
beträgt der bisher realisierte Vogelindex beim STIHL Werk 1 in Waiblingen (Stand: 18.06.2026). Das bedeutet: 51 Vogelarten wurden bisher erkannt, 163 Arten wären in dem Flussauen-Gebiet an der Rems eigentlich zu erwarten.
Peter Endl Biologe, Biodiversitätsexperte„Gesänge und Rufe der Vögel liefern Informationen über Artenvielfalt, die Häufigkeit einer Art und die Aktivität der Vogelarten.“
Urbane Ökosysteme – städtisch und industriell geprägte Lebensräume – gibt es immer mehr. Zwischen Asphalt und Beton sorgen Grünflächen für niedrigere Temperaturen, bessere Luft- und Wasserqualität, sie reduzieren Lärmbelastung und ermöglichen Erholung für die Menschen. Entsprechend wächst ihre Bedeutung für Biodiversität, Klimaresilienz und Klimaregulation. Die Biodiversität definiert sich dabei über genetische Vielfalt, Artenvielfalt und Biotopvielfalt.
Lebensräume müssen vernetzt sein
Ein Problem, das in Stadt- und Industriegebieten häufig auftritt, sind zu kleine, oft artenarme und isoliert liegende Grünflächen, die keine Verbindung zueinander haben. „Vor allem Industriegebiete sind oft so großflächig, dass ein Biotopverbund behindert oder unterbunden wird. Diese Vernetzung ist neben Artenreichtum jedoch wesentlich für biologische Vielfalt und eine intakte Natur“, erklärt die Landschaftsarchitektin Ines Mändle. Ein Biotopverbund entsteht, wenn mehrere Lebensräume räumlich miteinander vernetzt sind und dadurch ein genetischer Austausch möglich wird. „Aus biologischer Sicht wäre die wichtigste Maßnahme für mehr Biodiversität, die vorhandenen naturnahen Lebensräume zu verbinden und möglichst viele Grünflächen aufzuwerten“, pflichtet Peter Endl bei.
Ines Mändle Landschaftsarchitektin, Biodiversitätsexpertin„Da die biologische Vielfalt überall abnimmt, ist ein funktionierender Biotopverbund wesentlich, um Artenvielfalt und damit unsere Lebensgrundlage nachhaltig zu erhalten.“
Dass es in Städten oft nur wenige, nicht miteinander verbundene Grünflächen gebe, hänge mit einem grundsätzlich hohen Nutzungsdruck auf Flächen, hohen Grundstückskosten und der Verpflichtung zum Flächensparen zusammen, führt Ines Mändle weiter aus. „Wegen der hohen Siedlungsdichte entstehen in Städten fast bei jeder Fläche Interessenskonflikte.“ Gleichzeitig gebe es zahlreiche Möglichkeiten, um mehr artenreiche Grünflächen zu schaffen, die eine klimaregulierende Funktionen ausüben. Dazu gehört die Entsiegelung versiegelter Flächen oder die Begrünung von Dächern und Fassaden. „In manchen Gebieten kann eine Reduzierung der Pflegeintensität eine Erhöhung der Biodiversität bewirken“, sagt Ines Mändle. Pflegeleichte Staudenbeete statt englischer Rasen sind auch besser für Insekten – die ihrerseits Futter für viele Vögel sind.
Artenreiche Streuobstwiesen bei STIHL
Beim akustischen Monitoring von STIHL stehen Ines Mändle und Peter Endl als Biodiversitätsexperten beratend zur Seite. Auf welchem Prinzip die Vogelbeobachtung basiert, erklärt der Biologe: „Der Zustand des Ökosystems wird beim akustischen Monitoring über sogenannte Indikatorarten ermittelt. Das sind Arten, von denen wir viel über Verbreitung und Ansprüche an den Lebensraum wissen.“ Für heimische Streuobstwiesen seien beispielsweise die Vogelarten Wendehals, Gartenrotschwanz und Halsbandschnäpper solche Indikatorarten, so Peter Endl weiter. Ihr Vorkommen weise auf Baumbestände mit vielen Nisthöhlen und auf ein gutes Nahrungsangebot hin. Eine Streuobstwiese gibt es beim STIHL Werk 2 in Waiblingen, wo einer der Akustiksensoren steht. Beobachtet wurden hier bisher unter anderem Garten- und Hausrotschwanz, Grauschnäpper und Trauerschnäpper. Und es wurden Maßnahmen ergriffen, um die Artenvielfalt zu erhöhen. So wurden Büsche entfernt, neue Obstbäume gepflanzt sowie Nisthilfen für Vögel und Fledermäuse angebracht. Eine weitere Streuobstwiese wurde neu angelegt. Ebenfalls auf dem Gelände von Werk 2 wurde durch die Neupflanzung von insektenfreundlichen Staudenbeeten die Vernetzung der grünen Lebensräume verbessert.
Die Neupflanzung von Obstbäumen (oben) und das Anlegen von Staudenbeeten gehören zu den ersten Maßnahmen für mehr Biodiversität beim STIHL Werk 2 in Waiblingen.
Beim Werk 1 wurden derweil gebietsfremde Fichten gemäß der Vorgabe der Naturschutzbehörde gefällt und eine Bepflanzung vorgenommen, die zum Ökosystem der dortigen Flussaue passt. Auf dem gesamten Gelände von STIHL sind gebäudebrütende Vogelarten wie Hausrotschwanz, Haussperling, Dohle und Turmfalke gut vertreten. Für sie wurden Nistkästen an den Gebäuden montiert. Durch das kontinuierliche Monitoring wird nun beobachtet, welche Maßnahmen tatsächlich die gewünschte Wirkung entfalten.
Dr. Friedemann Stock STIHL Nachhaltigkeitsbeauftragter„Wer Biodiversität gezielt fördern will, muss sie zuerst messen können. Dafür haben wir eine Grundlage geschaffen.“
Für den Nachhaltigkeitsbeauftragten Dr. Friedemann Stock sind die Firmenstandorte von STIHL prädestiniert dafür, dass ihre Grünflächen ökologisch aufgewertet werden. „Es gibt viele kleine grüne Ecken, auf die selten ein Mensch seinen Fuß setzt. Wenn wir sie miteinander verbinden, kann ein großes Biotop entstehen.“ Er lässt die Standorte systematisch prüfen, um zu ermitteln, wie die verschiedenen Grünflächen besser vernetzt werden können. Aktuell werden die erwähnten zwei Standorte in Waiblingen und einer in Österreich akustisch beobachtet, ein weiterer in Brasilien soll demnächst hinzukommen. Dr. Friedemann Stock: „So können wir die Entwicklung der Biodiversität weltweit transparent verfolgen und das Bewusstsein dafür steigern. Über den Vergleich der Standorte entsteht vielleicht sogar ein spielerischer Wettbewerb.“